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Menschenwerk gegen Gotteswerk, oder: Müssen Christen sich die Hände waschen?
Vielen von uns wird die folgende Situation sehr bekannt vorkommen: Eine Gruppe junger Menschen bereitet eine kirchliche Veranstaltung vor. Getrieben von dem Wunsch, alles perfekt zu machen, lassen sich die Teilnehmer immer neue Sachen einfallen und führen ungewöhnliche, neue Ideen ein. Solch großer Eifer findet aber nicht nur Befürworter. Von einigen Christen derselben Gemeinde werden die jungen Leute kritisiert mit den Worten: „Wir sollten uns nicht so sehr auf Menschenwerk konzentrieren sondern lieber beten dass Gott die ganze Sache segnet. Am Schluss bemühen wir uns nur noch um Perfektion und Gott bleibt dabei auf der Strecke.“
Ein ähnliches Beispiel: eine Gruppe von Musikern trifft sich regelmäßig um ein bestimmtes Stück einzuüben und damit im Gottesdienst aufzutreten. Nichts wird dem Zufall überlassen, jede Note, jeder Ton gründlich unter die Lupe genommen. Von einigen Beobachtern wird diese Gründlichkeit bemängelt: „Nicht menschliche Perfektion sondern Gottes Segen sollten diese Musiker anstreben.“
Anhand dieser Beispiele soll verdeutlicht werden, was ich hier den „Menschenwerk – Gotteswerk – Gegensatz“ nennen möchte. Ich hatte oft schon die Gelegenheit, diese Denkweise in christlichen Kreisen zu beobachten. Auf der einen Seite stehen die Werke der Menschen, also alles was wir tagtäglich tun, auf der anderen Seite werden die Werke Gottes angenommen. Es besteht zwischen beiden eine klare Trennung. Was der Menschen Werke sind, ist schnell erklärt: ob wir nun ein Haus oder eine Kirche bauen, einen Baum pflanzen oder ein Kind großziehen, all das sind unsere Werke. Selbst wenn wir uns die Hände waschen begehen wir ein Menschenwerk. Wie verhält es sich aber mit den Werken Gottes? Da wird die Antwort schon schwieriger. Zum einen glauben wir Christen dass die Welt und alles was in ihr ist von Gott erschaffen wurde, dass also alles, was ist, Gottes Werk ist, uns selbst eingeschlossen. Auf der anderen Seite glauben die meisten Christen daran, dass Gott unmittelbar in das Weltgeschehen eingreifen kann und dies auch tut. Der Einfachheit halber möchte ich mich hier auf diese zweite Auffassung von Gotteswerk beschränken: das wunderbare und übernatürliche Einwirken Gottes in unsere Gegenwart.
Es ist offensichtlich, dass zwischen Gotteswerk und Menschenwerk ein Gegensatz bestehen kann. Ein Beispiel dafür ist der Apostel Paulus: bevor er von Gott zum Apostel der Heiden berufen wurde, war er einer der eifrigsten Verfolger der Christen. Sein Werk stand im Gegensatz zu Gottes Werk, und er wusste es nicht bis es ihm auf wunderbare Weise von Gott selbst offenbart wurde. Als er sich auf den Weg nach Damaskus begab um die dortigen Christen zu verfolgen, beging er ein Menschenwerk, darin werden mir die meisten Leser wohl zustimmen.
Aber wenn wir in diesen Betrachtungen weitergehen, geraten wir an einen Punkt, wo die Grenze Zwischen „Gotteswerk“ und „Menschenwerk“ nicht mehr klar zu erkennen ist. Nachdem der Apostel Paulus von Gott auf dem Weg nach Damaskus heimgesucht wurde, erkannte er, wer Christus wirklich war und wechselte die Seiten: vom eifrigen Christenverfolger wurde einer der eifrigsten Christen, der sein ganzes weiteres Leben auf Reisen verbrachte um den Heiden die frohe Botschaft zu bringen. Und obwohl Gott stets mit Paulus war mit zahlreichen Zeichen und Wundern, so verbrachte Paulus fortan sein ganzes Leben genau genommen mit einer sehr menschlichen Tätigkeit: dem Reisen. Aber können wir es wagen, die Missionsreisen des Apostel Paulus „Menschenwerk“ zu nennen? Ich kann es nicht und ich denke ich habe hier die Mehrheit der Christen auf meiner Seite.
Wir sehen also, dass etwas, was nach der ursprünglichen Auffassung als Menschenwerk angesehen werden müsste, unter gewissen Umständen Gotteswerk sein kann. Das heißt, dass das, was ich anfangs den „Menschenwerk – Gotteswerk – Gegensatz“ genannt habe, in Wirklichkeit nicht zutrifft. Mit anderen Worten: diesen Gegensatz gibt es nicht und der tatsächliche Zusammenhang zwischen Menschenwerk und Gotteswerk ist weitaus komplexer. Einen Gedanken habe ich nämlich bisher noch nicht angeführt, welcher zeigt, dass diese Problematik gravierende Auswirkungen auf unser Glaubensleben hat.
Nehmen wir für einen Augenblick einmal an, dieser Gegensatz zwischen Gotteswerk und Menschenwerk würde tatsächlich zutreffen. Lasst uns weiterhin annehmen, dass Gotteswerk den Werken der Menschen generell vorzuziehen sei. Nebenbei bemerkt, diese Annahme ist gar nicht so weit weg von der Realität: eine weit verbreitete Vorstellung vom Wirken Gottes besagt zum Beispiel, dass Musiker, die in der Kirche spielen, lieber beten sollen, dass Gott ihren Auftritt segnet als sich um ein hohes Niveau ihrer Kunst zu bemühen. Dem entsprechend sollen auch Prediger lieber um Gottes Segen flehen anstatt an einem Rhetorikkurs teilzunehmen. Denn, so argumentieren Vertreter dieser Denkschule, ein Konservatorium oder eine Rhetorikschule sind „Menschenwerk“ und haben in der Gemeinde nichts zu suchen.
Führt man diese Denkweise konsequent weiter, ergibt sich folgendes Bild: alle, die eine Funktion in der Gemeinde haben, vernachlässigen ihr „Menschenwerk“ zugunsten dem „Wirken Gottes“. Die Musiker versäumen es, sich bei fähigen Lehrern weiterzubilden, die Prediger bereiten sich nur unzureichend auf die Predigt vor, das Gebäude wird nicht mehr gepflegt, denn das alles ist ja nur „Menschenwerk“. Kurz, alle Aktivitäten verlieren an Qualität oder werden ganz eingestellt. Auch dieses Szenario ist in einigen Gemeinden leider sehr real: die Musiker bilden sich nicht weiter, weil Gott ja durch jede Musik wirken könne, vorausgesetzt sie komme vom Herzen. Die Prediger sind schlecht vorbereitet und ganz und gar ungebildet, weil Gott ja keine gebildeten Prediger und Theologen brauche um Seelen zu retten. Die Sonntagsschule ist in einem erbärmlichen Zustand, weil niemand es für nötig hält, professionelle Pädagogen heranzuziehen, denn die nur Gott könne die Seelen der Jugend erreichen. Ganz auf die Spitze getrieben kann man es ausdrücken wie C. S. Lewis: wenn Gott wollte, dass unsere Hände immer sauber wären, dann hätte er sie so erschaffen, dass sie nie schmutzig werden, warum sollen wir uns also überhaupt die Hände waschen?
Eines ist sicher: Gott braucht tatsächlich keine Menschen wenn er etwas tun will. Im Buch Hiob 38 finden wir ein eindrucksvolles Zeugnis dafür. Aber wieso ließ Gott es zu, dass der Apostel Paulus soviel reisen musste, wenn er ihn doch wie Philipus durch die Luft hätte fliegen lassen können? Warum bestand Jesus darauf, dass die Trauergäste an Lazarus’ Grab den Grabstein selbständig wegrollten? Wäre es für jemanden, der Tote auferweckt, nicht ein Leichtes gewesen, einen Stein fortzubewegen? Offenbar ist Gott daran gelegen, die Menschen selbständig Dinge tun zu lassen. Er braucht keine Diener, die ihr Talent vergraben und ihm sagen: „Du bist allmächtig, wir wollten mit unserem Menschenwerk Dein Gotteswerk nicht verderben.“ Er braucht Diener, die sich nicht vor ihrer Verantwortung drücken und alle ihre Kräfte einsetzen. Er braucht Diener, die perfekt sein wollen in allem was sie tun ohne lange zu überlegen ob sie nun mehr auf „Menschenwerk“ vertrauen oder auf Gott.
So ist der Gegensatz zwischen „Gotteswerk“ und „Menschenwerk“ in Wirklichkeit ein Gegensatz zwischen „mein Wille geschehe“ und „Dein Wille geschehe“. Denn Menschenwerke, die in Gottes Namen getan werden, können unter Umständen zu „Gotteswerken“ werden. Wir sollen nicht warten bis Gott das segnet was wir tun, vielmehr sollten wir tun, was Gott segnet und schon immer gesegnet hat. Ich sage nicht, dass Musiker und Prediger aufhören sollen, um Gottes Segen zu beten. Ich sage aber, dass sie vorher ihren Teil der Arbeit erledigen sollen, und zwar so gut, wie es nur für Menschen möglich ist. Gott hat unsere Hände so erschaffen, dass sie schmutzig werden können. Trotzdem will er, dass sie sauber sind. Seife, Wasser und Handtuch lassen sich ohne Schwierigkeiten überall auftreiben. Die Verantwortung für die Sauberkeit unserer Hände hat Gott uns übertragen. Nun ist unser Einsatz gefragt. Gott kann zwar alles machen, aber er will trotzdem dass wir es tun.
Jean B. November 2005 |
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