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  Fernsehen & Co.: Unbequeme Wahrheiten

(Teil 1)


 

Geht es nach dem Willen der großen Medien-Konzerne, sitzen wir im Jahr 2020 nur noch vor Bildschirmen: "Handy-TV" und "Überall-Fernsehen" sind die Schlagwörter der Zukunft, denen sich Mobilfunkkonzerne verschrieben haben. Internet und Fernsehen verschmelzen, es soll in Zukunft keinen Ort mehr geben, an dem nicht irgendein Bildschirm flimmert. Kindergärten und Schulen werden mit Computern vollgestopft, damit die Kleinen früh genug lernen, worauf es offenbar im beruflichen Alltag einmal ankommt. Auch vor den Kinderzimmern machen TV und PC schon lange nicht mehr Halt:

 

Beinahe 40 Prozent aller Kinder haben mittlerweile zusätzlich zum Fernsehgerät ihrer Eltern im Wohnzimmer einen eigenen Apparat in ihrem Zimmer. Bei den Computern oder Spielkonsolen sieht das kaum anders aus. In einigen Regionen Deutschlands können gar 63 Prozent der Viertklässler ein Fernsehgerät ihr eigen nennen, 56 Prozent eine Playstation, 52 Prozent einen Computer.

 

 

"Dank neuer Medien": Erziehung wird immer anspruchsvoller

 

Die Auswirkungen dieser nahezu allgegenwärtigen Bildschirme sind verheerend. Wie etwa in der Erziehung der Kinder. Wie, fragen immer mehr Pädagogen, sollen Eltern gegen die geballte Macht der Medien heute noch ankommen? Entweder, Eltern halten sich dauernd auf dem Laufenden, können mitreden über die angesagtesten Action-Spiele und trendigsten Serien – oder werden vom eigenen Nachwuchs schlicht überholt. "Erziehung ist viel anspruchsvoller geworden als früher. Noch vor 25 Jahren gab es kein Privatfernsehen, keine Computerspiele, kein Handy", sagt etwa Margot Käßmann, Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche Hannover und Mutter von vier erwachsenen Töchtern.

 

Diesem Anspruch können Eltern kaum noch gerecht werden. Zu rasant treiben die Multi-Media-Firmen die Entwicklung immer neuer Geräte und Formate voran. Die Kinder haben sie dabei aber fest im Griff. Schon allein deshalb, weil auf den Schulhöfen über kaum ein anderes Thema als die neuesten Fernseh- und Spiele-Trends gesprochen wird. Da wirken Äußerungen wie die von ZDF-Intendant Markus Schächter in den Ohren vieler Eltern wie blanke Ironie: Erziehende sollten sich doch mit den neuen Medientechnologien vertraut machen, appellierte der Medienprofi. Und gestand gleichzeitig, dass er selbst die Hilfe seines Sohnes brauche, um einen neuen Laptop einzurichten.




©MAC APPLE

Der Psychologe und Mediziner Manfred Spitzer, Professor an derUniversität Ulm, ist ein Freund deutlicher Worte. "Wer verständlichschreibt und redet, geht das Risiko ein, verstanden zu werden",schreibt der Spezialist für Lernforschung in seinem neuen Buch"Gott-Gen und Großmutterneuron", in dem er sich kapitelweise mit denneuesten Erkenntnissen über die Auswirkungen von Fernsehen & Co.auseinander setzt.

 

Schon Spitzers Motivation lässt aufhorchen: "Weil wir über dieGehirnentwicklung einiges wissen, weil wir über Lernen einiges wissenund weil unsere Kinder und Jugendlichen nach dem Schlafen – letzteresetwa 7 bis 8 Stunden – die zweitmeiste Zeit vor Bildschirmmedienverbringen – nämlich 5,5 Stunden –, kann man nicht gelassen zurKenntnis nehmen, dass die Inhalte der Sendungen von reinenProfitinteressen bestimmt werden. Nicht nur die Gehirne der nächstenGeneration werden vermüllt; letztlich geht es um die Zukunftsfähigkeiteines ganzen Landes."

 

Der Wissenschaftler kritisiert dabei zwei grundlegendeFehlentwicklungen, die Medien bewirken. Zum einen ist es das Bild einerimmer währenden Ellenbogenmentalität. Ohne Kontrahenten, Konflikte undzwischenmenschliche Spannungen verliert jede Serie, jeder Film seinenUnterhaltungswert. Und weil Langeweile sofort mangelnde Einschaltquotenund das wiederum geringere Werbeeinnahmen bedeutet, streiten, bekämpfenund fetzen sich die Schauspieler auf den Bildschirmen bis zum Abwinken.

 

Kinder erleben durch die Flimmerkiste, dass Konflikte durch Gewaltund Aggressionen gelöst werden. Spitzer schreibt: "Nicht Konkurrenz,sondern Kooperation ist in den Kindergärten und Schulen, in derWirtschaft und in der Wissenschaft grundlegend und daher zu fördern.Nicht Angst gilt es zu schüren und über alle Kanäle zu verbreiten...,sondern Freude, Mitmenschlichkeit und Anteilnahme. Dies liegt unsMenschen eigentlich; aber wir können uns dummerweise auch einreden,dass es anders sei."

 

>>>Teil 2 des Beitrages "Fernsehen & Co.: Unbequeme Wahrheiten"<<<

 

Ellen Nieswiodek-Martin & Andreas Dippel (Quelle Medienmagazin Pro)


 




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