|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Carlos und die andere Welt
Zu Weihnachten ist es am schlimmsten: Einkaufen, Verkehrsstaus, Gedrängel... eine gewaltige Fülle an Menschen, die sich Minuten für Minute, gar Sekunde für Sekunde durch Eingänge, Ausgänge, Passagen, Gassen, Geschäfte, Regalreihen und Weihnachtsmärkte drückt. Wie eine große Rinderherde bemerkt sie ihren Nebensteher nicht, sie würde schier nicht merken, wenn der eine oder andere verloren ginge...
Carlos ist der eine oder andere. Er ist elf Jahre alt und wohnt seit einer geraumen Zeit auf der Straße. Das genaue Datum hat er sich niemals gemerkt; zu unwichtig schien es für ihn den Tag in Erinnerung zu behalten, an dem sein Leben den damaligen Tiefpunkt erreicht hatte. Eine Großstadt, wie er bemerken musste, kümmert sich nicht um die Leiden des Einzelnen und selbst wenn seine Minderheit in manchen Bezirken bereits zur Mehrheit geworden ist, so wird sie heute immer noch stillschweigend übersehen. Carlos ist einer von den Straßenbewohnern heutiger Millionenmetropolen, wie z.B. Sao Paulo, Los Angeles oder New York. Er ist einer derjenigen, die wir im Fernsehen bemitleiden, einer der Kinder, die mit einer Fliege im Auge traurig auf Fotos gesehen werden, einer der Kinder, die morgens, mittags und abends hungrig sind, einer derjenigen, die ihr Leben unter Brücken, in Erdlöchern oder Mülleimern fristen.
Wenn morgens die Sonne durch meine riesige Terrassentür scheint, so werde ich nur widerwillig wach und sträube mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft gegen den Zwang aufzustehen. Ich bin regelmäßig davon genervt Treppen zu laufen, mir aus meinen Kleiderschränken die passenden Sachen auszusuchen oder minutenlang auf Warmwasser zu warten, wenn der Boiler morgens nicht genug Leistung bringt. Frühstücken ist fast genauso anstrengend, denn der Kühlschrank ist überfüllt. Eine Überflutung an Nahrungsmitteln, die eigentlich nicht so heißen dürften, sodass ich mich nicht entscheiden kann. Eier – nein; Kartoffeln – nein; Toastbrot – nein. Alles schon zu oft gegessen und meine Geschmacksnerven sind ohnehin vom gestrigen Pizzadienst noch überstrapaziert. Mamas albewerter Satz schießt mir in den Kopf: Wenn du das nicht essen willst, so hast du keinen Hunger. Was weiß die schon – ich sterbe gleich vor Hunger!
Carlos kann sich nicht mehr an einen Tag erinnern, an dem er nicht mit Rückenschmerzen aufgewacht ist. Orthopädische Matratzen sind unter der Brücke, die ihm als Dach dient, leider Mangelware. Schwierig ist es daher für ihn sich aus einem Zeitungsgewirr zu befreien, ohne seine sogenannte „Decke“ dabei in Fetzen zu reißen. Sie muss noch eine Weile ihre Dienste tun, denn für Carlos ist das Auftreiben solcher Zeitungsfetzen lange nicht mehr so einfach, wie es einst war. Die Menschen in der Stadt mögen Kinder wie ihn nicht. Mitleid ist längst nicht mehr an der Tagesordnung, die eigenen Fehler, so die Stadtbewohner, seien es, die Carlos in seine Situation gebracht hätten. Doch kann er was für die Drogen, mit denen seine Mutter sich selbst Tag für Tag außer Gefecht setzt, oder dafür, dass sein Vater schon vor seiner Geburt längst unauffindbar war? Ist er etwa daran Schuld, dass das Schicksal ihn solche harten Wege lehrt? – Er würde die Zeitungen am liebsten zerreißen, alleine um die Erinnerung und die Realität symbolisch in Fetzen vor ihm liegen zu sehen, doch muss er an heute Nacht denken...
Mein Auto hat zwar eine stolze Summe von 18.000 Dollar in Anspruch genommen, doch trotz all dem ist die Standheizung nicht serienmäßig. Die Kälte im Auto lässt mich steif werden und – zu allem Überfluss – gerate ich durch diese eigentlich nicht notwendige Belästigung der Natur in Rage. Ich kann nicht sagen, was mich mehr ärgert: Kälte oder doch eher Verkehr? Das eine wie das andere, sind diese Reizungen meines Gemüts alles andere als amüsant und trotzdem scheinen Hunderte von Autofahrern allmorgendlich nichts besseres zu tun zu haben, als mich mit ihrer inkompetenten Fahrweise zu terrorisieren. Angekommen in meinem Büro kann man von mir selbstverständlich nicht mehr die Geduld erwartet, auf meinen Kaffee zu warten, trotzdem schafft meine Sekretärin es nicht ihn rechtzeitig auf meinem Tisch stehen zu haben. Zu allem Unguten kommt noch hinzu, dass mein Ledersessel verstellt ist und der Zucker alle...
Carlos sitzt nicht im Ledersessel. Sein Arbeitsplatz sind die Straßen der Innenstadt: Wie ein Hund streunt er von Mensch zu Mensch schaut zu ihnen auf und bittet um Geld – oder zumindest nach etwas essbarem. Hinzu kommt, dass die Ladenbesitzer Kinder wie ihn nicht gebrauchen können. Ihr Anblick erschräcke die Kundschaft, heißt es, und somit wird Carlos von einem Haus zum Nächsten gejagt. Dieser Tag scheint von Glück gesegnet zu sein, denn eine alte Frau scheint ihm etwas geben zu wollen. Seine Hände sind jedoch so dreckig, dass die Frau erschrocken zurückweicht. Sie schmeißt ihm das Geld vor die Füße und die paar Münzen verteilen sich in der Menge und auf dem Gehweg. Verzweifelt geht Carlos auf die Knie, er muss dieses Geld finden, denn was anderes wird er heute nicht kriegen. Als er sich nach zwei Minuten des Suchens bei der Frau bedanken will, ist sie längst weg und er merkt nur noch, wie andere Kinder belustigt mit dem Finger auf ihn zeigen.
Abendbrot wäre wohl nichts Schlechtes, wenn ich die morgendlichen Probleme mit dem Entscheiden nicht auch abends hätte. Das Essen meiner Frau ist schon wieder hundsmiserabel, einfach grotesk, wie man so etwas kochen kann, wenn man den ganzen Tag ja doch nichts tut, außer Fernsehen oder Faulenzen. Der Kühlschrank allerdings, muss ich bemerken, und das entschuldig die Kochkünste meiner Frau ein wenig, ist auch mit nichts Besserem gefüllt und somit muss ich, nachdem gestern der Pizzadienst dran war, heute den Chinesen ins Haus laden, damit ich satt in mein Bett steigen kann. Chinesisch, das hatte ich zuvor natürlich vergessen, ist auch nicht, was es mal war. Trotzdem war es besser als das, was ich sonst hätte essen müssen. Während ich die Reste in den Mülleimer werfe, wo auch schon die Pizza von Gestern auf ihr unsanftes Ende im Müllcontainer vor der Tür wartet, rufe ich meiner Frau noch ein ‚Gute Nacht’ zu, das sie allerdings überhört. Im Bett liegend und nach diesem besonders hartem Tag total erschöpft merke ich gerade noch, dass ich vergessen habe zu beten. Ich kriege noch mit, wie ich mich gedanklich bei Gott wegen all den Dingen beschwere, die heute schief gegangen sind: das schlechte Essen, der viele Verkehr, die bittere Kälte und die nutzlose Sekretärin – dann schlafe ich ein.
Einen halben Leib Brot konnte Carlos sich von dem Geld der alten Dame leisten. Carlos hatte nicht gemerkt, dass er zu viel bezahlt hatte, denn lesen kann er nicht und der Verkäufer schien das gewusst zu haben, ebenfalls hatte Carlos nicht gemerkt, dass er ein Brot vom vorherigen Verkaufstag bekommen hatte, denn er wusste nicht, wie ein frisches schmeckte. Den Hunger kann dieses Brot nicht stillen, dass wusste er, doch teilte er trotzdem noch mit einem Mädchen, dass heute nicht so viel Glück gehabt hatte, wie er. Sie schlang sehr begierig die größere Hälfte, die Carlos ihr gab, herunter und war kaum zu einem ‚Danke’ fähig, denn als Straßenkind kriegt man nicht oft die Möglichkeit, sich zu bedanken – man bittet mehr. Als auch Carlos mit dem Essen fertig war legte er sich, in Zeitungen gewickelt, wieder an seinen alten Platz, wo die Steine nicht ganz so kantig waren, und sah an die Decke. Es war kein schöner Tag gewesen, das war offensichtlich, es war aber ein Tag Gottes gewesen und dafür danke er seinem Gott noch mal, bevor er dann ruhigen Gewissens einschlief.
...Doch bald ist Weihnachten zu Ende und vielleicht, wenn die Leute ihren Kaufrausch ausgeschlafen haben, werden sie die Zeit finden den einen oder anderen wieder zu sehen.
Artur Kronenberg |
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| [ MAGAZIN | FOREN | POSTAMT | MULTIMEDIA | E-CARDS | FOTOALBUM | BIBEL | EVENTS | MESSAGEBOARD | SERVICE ] [ Kontakt | Nutzungsbedingungen | ONIA Unterstützen ] [ © 2007 by ONIA - Impressum ] |